Inside BFSU
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«Ich will mich nie fragen: Was wäre wenn?»
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Interview
mit Jeannine Gmelin

Eigentlich sei sie zu klein, um als Ruderin an die Spitze zu kommen, sagte man ihr. Doch die Ustermerin Jeannine Gmelin ging ihren Weg, arbeitete mit viel Leidenschaft an ihren Zielen und zählt heute zur Weltelite.

 

Schön, dass Sie sich kurz Zeit nehmen. Ihr Tag ist sicher komplett durchgetaktet…
Ja, aktuell sogar ganz besonders. Ich bin gerade in Portugal, um mich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Hier kann ich mich gut an die Hitze gewöhnen. In Tokyo wird es dann einfach nochmal viel feuchter sein…

 

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
An sechs Tagen pro Woche ist er eigentlich identisch. Ich stehe kurz nach sechs Uhr auf und frühstücke. Seit Jahren esse ich übrigens immer dasselbe: Haferflocken mit Früchten. Das hält mich lange satt. Spätestens um halb acht starte ich mit dem Aufwärmen, mit Mobility-Übungen und Stretching an Land. Dann folgt das erste Training bis zehn Uhr. Nach der «Znüni-Pause» steht die zweite Trainingseinheit an. Um halb zwei gibt’s Zmittag und ein paar Stunden später folgt die letzte Trainingseinheit bis um sechs Uhr abends. Dann bin ich meist ziemlich geschafft (lacht). Und natürlich geht’s jeweils zeitig ins Bett, um erholt in den nächsten Tag zu starten.

 

Finden die Trainingseinheiten alle auf dem Wasser statt?
Nein. Und sie sind generell sehr unterschiedlich. Morgens trainiere ich meist mit tiefem Puls, dafür lang. Um die Grundfitness aufzubauen. Das zweite Training ist kürzer, aber intensiver. Die dritte Einheit beinhaltet oftmals Krafttraining im Gym oder eine andere Art von Ausdauertraining. Zum Beispiel Radfahren.

 

Was ist Ihr persönliches Highlight an einem ganz gewöhnlichen Tag?
Hm, gute Frage. Ich bin ein Morgenmensch und geniesse es sehr, beim Frühstücken ruhig in den Tag zu starten. Ein Highlight ist aber auch, dass ich den ganzen Tag draussen sein kann. Mein Arbeitsplatz befindet sich quasi auf dem See. Das ist genial!

 

Wie kamen Sie eigentlich ursprünglich zum Rudern?
Von klein auf war ich mit meiner Family sehr oft am Greifensee und hatte einen starken Bezug zum Wasser. Mit etwa zwölf Jahren war ich auf der Suche nach einem Hobby und weil ich den See so liebte, entschied ich mich, einen Ruderkurs zu machen. Es hat mich zwar nicht sofort gepackt, aber ich wollte dem Ganzen eine Chance geben und merkte relativ schnell, dass ich ziemlich erfolgreich unterwegs war. Das hat mich motiviert, dabei zu bleiben.

 

Dann nahm Ihre Sportkarriere also zügig Fahrt auf?
Eigentlich schon. Man sagte mir zwar lange Zeit, dass ich zu klein bin, um erfolgreich zu werden. Die meisten Ruderinnen sind mindestens 1.80 Meter gross. Da kann ich nicht mithalten. Aber Rudern ist eben auch eine technische Sportart. Mit guten Skills kann man vieles kompensieren. Und das ist mir offensichtlich gelungen.

 

Wie konnten Sie Ihre Ausbildung mit dem Training vereinbaren?
Während der Sekundarschule klappte das noch recht gut, aber spätestens bei der Berufswahl musste ich mich entscheiden. Wollte ich den Weg als Leistungssportlerin weiterverfolgen? Waren Sport und Beruf für mich überhaupt kompatibel? Da war ich mir nicht sicher. Schliesslich entschied ich mich dafür, dem Rudern eine Chance zu geben. Ich wollte mir nie die Frage stellen müssen «Was wäre, wenn…?». Ausschliesslich auf den Sport zu setzen, war für mich jedoch keine Option. Meine Mutter war schon immer sehr offen für das, was ich machen wollte und mir Freude bereitete. Aber sie legte grossen Wert darauf, dass ich eine solide berufliche Grundbildung absolviere. Das nahm ich mir zu Herzen.

 

Wie ging es also weiter?
Ich fand glücklicherweise eine KV-Lehrstelle, die sich explizit an eine Sportlerin oder einen Sportler richtete. Da erhielt ich die Möglichkeit, nur 80 Prozent zu arbeiten, um mehr trainieren zu können. Sollte ich die erforderlichen Leistungsziele aufgrund des reduzierten Pensums nicht erreichen, war abgemacht, dass ich die notwendige Zeit im Anschluss an die reguläre Ausbildungszeit anhänge. Glücklicherweise war dies nicht notwendig. Auch in der Berufsschule an der BFSU kam man mir sehr entgegen. Den Sportunterricht musste ich nicht besuchen und in Französisch musste ich nur die Prüfungen schreiben, weil ich bereits das erforderliche Diplom in der Tasche hatte. Ausserdem besuchte ich meine Lektionen mit drei verschiedenen Klassen. So konnte ich meine Schultage komprimieren und meine Woche möglichst effizient gestalten.

 

Wie erlebten Sie die Zeit an der BFSU insgesamt?
Sie blieb mir sehr positiv in Erinnerung. Ich erhielt von allen Seiten vollen Support, um Schule und Sportkarriere bestmöglich zu kombinieren. Das ist nicht selbstverständlich. Mein damaliger Informatiklehrer verfolgt meine Karriere übrigens bis heute aktiv mit. Nach wie vor wünscht er mir regelmässig Glück vor wichtigen Wettkämpfen oder sendet mir Gratulationen nach einem Erfolg. Ein schönes Gefühl!

 

Was sind heute Ihre grössten Ambitionen und Ziele?
Aus sportlicher Sicht natürlich die Olympischen Spiele in Tokyo – meine zweiten. Ich will mein ganzes Potenzial zeigen können und zurückkehren mit einem Resultat, auf das ich stolz bin. Ansonsten ist es mein grosses Ziel, eines Tages den Wechsel vom aktiven zum passiven Sport zu meistern. Hoffentlich finde ich etwas, das ich mit ähnlicher Leidenschaft und Energie machen werde, wie heute das Rudern.

 

Was ist es, das Sie am Rudern so lieben?
Dieser Sport ist enorm vielfältig. Er beinhaltet unheimlich viele Komponenten, die stimmen müssen, um erfolgreich zu sein. Einfach nur gross und stark zu sein, bringt einen nicht weiter. Es gibt unzählige Bereiche, an denen ich als Sportlerin arbeiten kann und muss. Das fasziniert mich so daran! Seit bald zwanzig Jahren.

 

…nur noch ganz kurz:

  • Wann waren Sie an der BFSU? August 2009 bis Juni 2012 (KV)
  • Lieblingsfach an der BFSU? IKA (Information/Kommunikation/Administration)
  • Beste Note im Abschlusszeugnis? Französisch: 5.7
  • Und die schlechteste? Wirtschaft & Gesellschaft: 4.0
  • Lieblings-Netflix-Serie oder -Buch? «The Last Dance» und Biografien aller Art
  • Was haben Sie immer dabei? Mein Handy, um mit meiner Familie, meinen Freunden und meinem Team in Kontakt zu bleiben, da ich sehr oft im Ausland unterwegs bin
  • Ultimatives Traum-Reiseziel? Die Südinsel Neuseelands
  • Worauf sind Sie am meisten stolz? Meinen Mut, meinen eigenen Weg zu gehen
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